TOM – Männerfantasien – Band 4
Bewusst ausgewählte, nicht explizite Leseprobe
Die Bibliothekarin
Die schweren Zeiger der Uhr in der Universitätsbibliothek standen auf kurz vor sieben. Draußen wich bereits das Tageslicht, drinnen hallten nur noch wenige Schritte durch die hohen, stillen Gänge zwischen den Regalreihen.
Ich war mit einer wichtigen Prüfungsarbeit im Zivilrecht beschäftigt. Eine echte Herausforderung, für die mir noch knapp drei Wochen blieben. Wieder war ich deshalb einer der Letzten – wie so oft in diesen Tagen. Der Geruch von altem Papier und warmem Staub war mein steter Begleiter. Nur noch wenige Tische im Saal wurden vom warmen Licht der Arbeitslampen erhellt.
Ich war tief in meine Arbeit versunken.
Doch plötzlich raubte mir ein warmer Hauch von Jasmin und Sandelholz die Konzentration.
»Na, Tom, da ist es ja wieder spät geworden.«
Frau Mertens, die Bibliothekarin, stand hinter mir. Sie war mir vertraut, immer nett und hilfsbereit, wenn auch sehr aufmerksam und von einer gewissen Strenge.
Ich drehte mich halb zu ihr. Ihre eng sitzende Strickjacke umspielte dezent ihre tolle Figur, der Rock saß akkurat – vielleicht ein wenig zu akkurat für den späten Dienst.
Sie beugte sich vertrauensvoll zu mir.
»Tom«, vernahm ich ihre weiche, gedämpfte Stimme, »Du bist in letzter Zeit oft so spät noch hier. Tag für Tag, ohne Unterlass. Immer so fleißig. Aber … isst Du eigentlich genug? Ich sehe, wie Du Dich unentwegt und ohne Pause abplagst.«
Ihr Blick glitt über meinen Oberkörper und verweilte auf dem Kragen meines zu dieser Zeit immer leicht zerknitterten Hemdes.
»Ich mache mir da ein wenig Sorgen.«
Ich richtete mich wortlos etwas auf, verlegen, fühlte mich leicht überrumpelt.
»Heute Abend … mache ich etwas Leckeres«, fuhr sie flüsternd fort und strich sich eine lose Haarsträhne hinters Ohr. »Ein einfaches, aber gesundes Gericht. Frisch, warm, mit Liebe gekocht. Du könntest vorbeikommen. Meine Tochter Lia ist auch da. Ein hübsches, kluges Mädchen. Ich denke, ihr würdet euch gut verstehen. Eine solche Abwechslung würde Dir doch guttun, nicht wahr?«
Bevor ich etwas erwidern konnte, trat Mary, die Reinigungskraft, aus dem Schatten eines Seitenganges. Sie hatte unser Gespräch offenbar mitangehört.
»Ach, Frau Mertens«, sagte sie mit kehligem Lachen, »immer gleich so förmlich. Wenn der junge Mann wirklich etwas Gutes braucht, würde ich ihm mehr geben als nur ein warmes Essen.«
Ihr Blick glitt unverhohlen an mir entlang.
»Ein bisschen Wärme, ein bisschen Nähe – das ist es doch, was Dir fehlt, oder?«
Frau Mertens’ Gesicht verhärtete sich.
»Was fällt ihnen ein? Sie putzen gefälligst weiter und halten sich ansonsten zurück.«
Mary hob nur amüsiert die Brauen und verschwand wieder zwischen den Regalen.
»Nun, Tom?«, fragte sie wieder gefasst und mit einladendem Lächeln. »Willst Du Dir etwas Gutes tun? Ich wohne nur zwei Blocks von Deinem Zuhause entfernt.«
Ich schluckte trocken und sah zu ihr auf. Plötzlich war mir heiß. Und ich war auf einmal ganz froh: Heute Abend würde ich den Pizza-Bringdienst nicht benötigen.
Der Geruch von Rosmarin und geröstetem Gemüse lag in der Luft, als sie mir die Tür öffnete. Frau Mertens hatte sich umgezogen. Ein Kleid aus rotem Samt umschmeichelte nun ihre fabelhafte Figur.
Die Wohnung war geschmackvoll eingerichtet – stilvoll, ruhig, ein bisschen altmodisch, wie es zu einer Bibliothekarin passte. Bücherregale, Pflanzen, gedämpftes Licht. In der Küche spielte leise Musik. Alles versprach einen kultivierten, angenehmen Abend.
Doch dann erschien sie: Lia – ihre Tochter.
Lia war bildschön. Da musste ich ihrer Mutter recht geben. Sie war groß und schlank, hatte makellose Haut und lange braune Haare. Knappe Sportleggings und ein bauchfreies Shirt ließen sie wie ein Mannequin aus einem Hochglanzmagazin erscheinen.
Aber kaum, dass sie den Raum betrat, fiel ihre Miene in gelangweiltes Desinteresse.
Sie sah mich nicht einmal richtig an, kaute auf einem Kaugummi herum und ließ sich mit dem Handy in der Hand und überkreuzten Beinen trotzig neben mir auf das Sofa fallen.
»Das ist Tom!«, machte ihre Mutter sie auf mich aufmerksam. »Tom – Lia, meine Tochter.«
»Aha«, meinte Lia, ohne aufzusehen, während sie hektisch weiter auf ihrem Handy scrollte.
»Machst was mit Paragrafen oder so, gell? Voll der Gymnasium-Vibe.«
Ich war verdutzt, räusperte mich, versuchte dennoch, das Gespräch irgendwie in Gang zu bringen.
»Und du? Was machst du denn gerne? Hörst du gerne Musik? Irgendwas mit Gitarre oder eher Techno?«
Sie verdrehte die Augen.
»Gitarre? Boah, nee. Voll Neunziger. Ich steh auf Drill. UK. So richtig düster. Und Deutschrap – also nicht so Emo-Scheiß. Was ist Deine Szene? Bitte sag nicht Indie, das wär voll lost.«
Ich lächelte gequält.
»Eigentlich Jazz. Und ein bisschen Soul. Ich …«
»Jazz?«, unterbrach sie mich mit einem Quietschen. »Oha, Du bist ja jetzt schon so ’n Philosophie-Rentner? Sag nicht, Du trinkst auch noch Rotwein und redest über Kant?«
Frau Mertens trat mit dampfenden Tellern aus der Küche. Sie stellte sie vor uns ab und versuchte mit einem gezwungenen Lächeln, die Situation zu retten. Dann schenkte sie uns Weißwein ein, doch nur sie und ich tranken einen Schluck.
»Wieso? Kant ist doch eine gute Sache«, meinte sie.
Ich hatte das Gefühl, bei einem Familienexperiment gelandet zu sein, und war dankbar für das Nachfüllen meines Glases.
Lia aß drei Bissen, verkündete, sie müsse »noch was auf TikTok checken«, wollte aufstehen und gehen.
Ihre Mutter forderte sie mit Strenge auf zu bleiben.
»Muss das denn sein, Mom? Ich find das so cringy.«
Lia verdrehte die Augen und sah mich an – zum ersten Mal wirklich. Nicht gleich abwertend, auch nicht desinteressiert, vielleicht … forschend?
»Also gut«, sagte sie knapp, während sie näher zu mir rückte. »Nur damit Du’s weißt – ich mach das nicht für Dich. Ich mach das, weil Mom sonst ewig nervt. Und … weil Du süß bist. Auf nerdige Art wirklich süß.«
Ich lächelte. »Nee, lass mal gut sein.«
Lia blieb regungslos sitzen. Sie biss sich auf die Unterlippe – ein Anzeichen von Unsicherheit, vielleicht auch Trotz.
Dann zeigte sie ein aufgesetztes Lächeln, wie man es sich in der Selfiekultur so antrainiert. Sie küsste mich flüchtig, beinahe mechanisch, und sagte leise:
»Komm schon.«
Ich spürte: Da stimmte nichts. Ich griff nach ihrer Hand, die nun auf meinem Oberschenkel ruhte, und schob sie beiseite.
»Lia … lass sein … nur weil Deine Mutter …«
»… weil meine Mutter denkt, ich bin zwar volljährig, aber nicht beziehungsfähig?«, unterbrach sie mich scharf und sprang auf. Ihr Blick war plötzlich glühend vor Zorn, nicht mehr scheu, sondern verletzt.
»Sie will, dass ich endlich mal was richtig mache. Einen Kerl wie Dich nicht verkacke. Aber ehrlich, Tom – ich hab keinen Plan, wie man mit jemandem wie Dir umgeht.«
Wütend verließ sie das Zimmer und gleich darauf auch noch die Wohnung.
Zurück blieb Stille. …